Immunsystem stärken: was belegt ist und was nicht

„Das Immunsystem stärken“ ist eine der meistgesuchten Formulierungen im Gesundheitsbereich — und eine der ungenauesten. Was sich belegen lässt, ist enger und zugleich konkreter, als die Formulierung nahelegt: Für zehn Nährstoffe ist in der Europäischen Union die Aussage zugelassen, sie trügen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Eine Steigerung über das Normale hinaus ist damit ausdrücklich nicht gemeint. Die einzige Maßnahme, die die Abwehr gegen einen bestimmten Erreger tatsächlich aufbaut, ist die Schutzimpfung. Dieser Beitrag trennt beides voneinander.


Was über Nährstoffe und Immunsystem gesagt werden darf

Welche gesundheitsbezogenen Aussagen über Lebensmittel gemacht werden dürfen, ist in der EU nicht dem Marketing überlassen, sondern geregelt. Die Verordnung (EU) Nr. 432/2012 führt in ihrer konsolidierten Fassung vom 20. August 2025 die zulässigen Angaben abschließend auf. Jede beruht auf einer Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Für das Immunsystem sind es zehn Nährstoffe, und für alle lautet die zugelassene Angabe gleich:

„[Nährstoff] trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.“

Zugelassen für
Eisen · Folat · Kupfer · Selen · Zink
Vitamin A · Vitamin B6 · Vitamin B12 · Vitamin C · Vitamin D

Hinzu kommt eine einzige spezifischere Angabe: „Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems während und nach intensiver körperlicher Betätigung bei.“

Warum das Wort „normal“ den Unterschied macht

Die zugelassene Formulierung beschreibt die Aufrechterhaltung einer Funktion, nicht deren Steigerung. Sie bedeutet: Wer zu wenig von einem dieser Nährstoffe aufnimmt, riskiert eine Beeinträchtigung. Sie bedeutet nicht, dass mehr davon die Abwehr über das normale Maß hinaus verbessert.

Ebenso aufschlussreich ist, was nicht in der Liste steht. Für Vitamin E, für Probiotika, für Knoblauch, Ingwer, Kurkuma und Honig ist in der EU keine Angabe zur Immunfunktion zugelassen.

Was daraus praktisch folgt

Die zehn Nährstoffe sind über eine gewöhnliche gemischte Kost erreichbar; für die einzelnen Referenzwerte und die Frage, wo eine Ergänzung tatsächlich angezeigt ist, siehe die Beiträge zu Vitamin A, Vitamin B, Vitamin C und Vitamin D. Der wiederkehrende Befund dort: Ein Präparat löst in aller Regel kein Problem, das ohne es bestanden hätte — und bei Vitamin A und Vitamin B6 gibt es klare Obergrenzen.


Die Maßnahme mit der spezifischsten Wirkung: die Schutzimpfung

In Ratgebern zu diesem Thema fehlt regelmäßig die Maßnahme, die die Abwehr tatsächlich aufbaut. Eine Impfung stärkt das Immunsystem nicht allgemein — sie richtet es gezielt gegen einen bestimmten Erreger. Sie nutzt damit genau den Mechanismus, den das erworbene Immunsystem ohnehin besitzt: das immunologische Gedächtnis.

Welche Impfungen empfohlen sind, richtet sich nach Alter, Vorerkrankungen und Lebenssituation. Maßgeblich sind die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Der Impfkalender des Robert Koch-Instituts enthält die empfohlenen Standardimpfungen für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene; er ist Bestandteil der STIKO-Empfehlungen im Epidemiologischen Bulletin 4/2026 und liegt neben Deutsch in neun weiteren Sprachen vor.


Wie das Immunsystem aufgebaut ist

Zwei Ebenen arbeiten zusammen.

Das angeborene Immunsystem ist die erste Verteidigungslinie und reagiert unspezifisch: Haut und Schleimhäute wirken als Barriere, spezialisierte Zellen greifen Fremdkörper an, ohne sie vorher kennen zu müssen.

Das erworbene Immunsystem entwickelt sich im Laufe des Lebens. T- und B-Lymphozyten lernen einzelne Erreger zu erkennen, bilden gezielt Antikörper und legen ein Gedächtnis an: Ein einmal überwundener Erreger wird beim nächsten Kontakt schneller bekämpft. Eine ausführliche Darstellung bietet die Gesundheitsinformation des IQWiG.


Was die Abwehr beeinträchtigen kann

Hier ist zwischen belegbaren und verbreiteten Aussagen zu unterscheiden.

Arzneimittel, die das Immunsystem gezielt dämpfen

Glukokortikoide — im Alltag meist „Kortison“ genannt — unterdrücken Entzündungsreaktionen und damit auch Teile der Immunantwort. Genau darauf beruht ihr therapeutischer Nutzen. Nach Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung sind die hier gemeinten Wirkstoffe — etwa Prednisolon und Dexamethason — verschreibungspflichtig; die dort genannten Ausnahmen betreffen eng umgrenzte äußerliche Anwendungen und nicht die innerliche Gabe.

Sie werden ärztlich verordnet und überwacht. Gegenanzeigen bestehen unter anderem bei bestimmten Infektionen, und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind möglich; die Eignung im Einzelfall ist vor der Anwendung ärztlich zu prüfen.

Eine laufende Therapie wird nicht eigenmächtig abgesetzt — auch nicht mit dem Ziel, das Immunsystem zu stärken. Wer Bedenken hat, bespricht sie mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt.

Dasselbe gilt für andere immunsuppressive Therapien, etwa nach einer Organtransplantation oder bei Autoimmunerkrankungen.

Erkrankungen und Lebensalter

Ein geschwächtes Immunsystem begleitet chronische Erkrankungen und bestimmte Behandlungen — etwa eine Chemotherapie. Mit zunehmendem Alter nimmt die Immunleistung ab. Beides sind Gründe, die ärztlich empfohlenen Impfungen ernst zu nehmen, nicht Gründe für ein Nahrungsergänzungsmittel.

Lebensstil — und was sich dazu ehrlich sagen lässt

Schlaf, Bewegung, Stressbewältigung und Rauchverzicht sind sinnvolle Ziele, und für ihren Nutzen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechsel und psychischer Gesundheit gibt es gute Gründe.

Ein spezifischer, bezifferbarer Effekt auf die Immunabwehr lässt sich aus den für diesen Beitrag geprüften Quellen jedoch nicht ableiten. Konkrete Zahlen wie „schon 30 Minuten Bewegung täglich verbessern die Immunabwehr“ oder „wer dauerhaft weniger als sechs Stunden schläft, hat ein höheres Risiko für Infekte“ sind ohne Beleg. Das heißt nicht, dass ausreichender Schlaf gleichgültig wäre; es heißt, dass er in diesem Beitrag nicht als Immunmaßnahme beziffert wird.


Was dieser Beitrag nicht behauptet

  • „Rund 70 Prozent der Immunzellen sitzen im Darm.“ Eine viel zitierte Zahl ohne Fundstelle.
  • Knoblauch, Zwiebeln, Ingwer, Kurkuma, Honig. Für keinen dieser Stoffe ist in der EU eine Angabe zur Immunfunktion zugelassen; eine antibakterielle oder entzündungshemmende Wirkung ist damit nicht belegt.
  • Probiotika und Vitamin E. Beide werden als immunwirksame Bausteine geführt; beide fehlen in der Liste der zugelassenen Angaben.
  • Wochenplan und Rezepte. Sie legen eine Wirkung nahe, die sich nicht belegen lässt.
  • „Studien zeigen“ und „Studien belegen“. Ohne Fundstelle ist das keine Aussage, auf die sich jemand stützen kann.

Wann ärztliche Abklärung nötig ist

  • häufige, ungewöhnlich schwere oder ungewöhnlich lang anhaltende Infektionen
  • Infektionen mit Erregern, die bei intakter Abwehr selten Beschwerden machen
  • anhaltendes Fieber ohne erkennbare Ursache
  • ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiß, anhaltende Lymphknotenschwellung
  • Fragen zum Impfschutz bei chronischer Erkrankung, immunsuppressiver Therapie oder im höheren Lebensalter
  • der Wunsch, eine immunsuppressive Therapie zu verändern — dieser Schritt gehört ausschließlich in die ärztliche Entscheidung

Häufige Fragen

Kann man das Immunsystem wirklich stärken?

In dem Sinne, in dem die Werbung das Wort verwendet — eine Steigerung über das normale Maß hinaus —, ist das durch keine in der EU zugelassene gesundheitsbezogene Angabe gedeckt. Belegt ist die Aufrechterhaltung einer normalen Funktion durch eine ausreichende Versorgung mit zehn Nährstoffen. Eine gezielte Abwehr gegen einen bestimmten Erreger baut die Schutzimpfung auf.

Welche Nährstoffe sind gemeint?

Eisen, Folat, Kupfer, Selen, Zink sowie die Vitamine A, B6, B12, C und D. Für Vitamin C ist zusätzlich die Angabe zur normalen Immunfunktion während und nach intensiver körperlicher Betätigung zugelassen.

Helfen Nahrungsergänzungsmittel gegen Erkältungen?

Eine solche Aussage ist nicht zugelassen, und keine der hier verwendeten Quellen trägt sie. Sinnvoll ist eine Ergänzung dort, wo ein Mangel festgestellt wurde oder eine Ernährungsform ihn erwarten lässt — etwa Vitamin B12 bei rein pflanzlicher Ernährung.

Was ist mit Ingwertee, Knoblauch und Honig?

Dagegen spricht nichts, solange keine Wirkung behauptet wird. Für eine Wirkung auf das Immunsystem gibt es keine zugelassene Angabe, und dieser Beitrag behauptet sie nicht mehr.

Ich nehme Kortison — soll ich etwas für mein Immunsystem tun?

Diese Frage gehört in die ärztliche Sprechstunde. Wichtig ist vor allem, was nicht zu tun ist: die Therapie nicht eigenmächtig zu verändern oder abzusetzen. Ob ein zusätzlicher Impfschutz angezeigt ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.


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Quellen

  • Europäische Union: Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel, konsolidierte Fassung vom 20.08.2025. Trägt: die zehn Nährstoffe, für die die Angabe „trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“ zugelassen ist — Eisen, Folat, Kupfer, Selen, Zink, Vitamin A, Vitamin B6, Vitamin B12, Vitamin C, Vitamin D · die zusätzliche Angabe zu Vitamin C während und nach intensiver körperlicher Betätigung · den Umstand, dass darüber hinaus keine Angabe zur Immunfunktion zugelassen ist, insbesondere nicht für Vitamin E, Probiotika, Knoblauch, Ingwer, Kurkuma oder Honig.
  • Robert Koch-Institut, Ständige Impfkommission: Impfkalender. Trägt: Der Impfkalender enthält die empfohlenen Standardimpfungen für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ist Bestandteil der STIKO-Empfehlungen im Epidemiologischen Bulletin 4/2026 · Verfügbarkeit in neun weiteren Sprachen.
  • Bundesministerium der Justiz: Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), Anlage 1. Trägt: Verschreibungspflicht für Prednisolon und Dexamethason sowie den engen Zuschnitt der dort genannten Ausnahmen auf äußerliche beziehungsweise notfallmedizinische Anwendungen.
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Wie funktioniert das Immunsystem? Ergänzende Darstellung zum Aufbau von angeborener und erworbener Abwehr; nach der Quellenhierarchie dieses Magazins eine fachredaktionelle Aufbereitung und kein alleiniger Beleg.

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Hinweise zu Aktualisierungen und Korrekturen

Korrektur: Dieser Beitrag wurde am 10. September 2026 inhaltlich korrigiert.