Über E-Bikes werden zwei Geschichten erzählt. Die eine handelt davon, dass sie Menschen wieder aufs Rad bringen, die sonst im Auto säßen. Die andere steht in der Unfallstatistik: Die Zahl der getöteten Radfahrenden in Deutschland steigt — und der Anstieg geht auf Pedelecs zurück.
Beides ist richtig, und beides gehört zusammen gelesen.
Was ein Pedelec rechtlich ist
Der Begriff „E-Bike“ wird umgangssprachlich für alles Elektrische am Rad verwendet. Rechtlich gibt es einen scharfen Schnitt, und er entscheidet über Helm, Führerschein, Versicherung und Radweg.
Nach § 1 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetzes sind keine Kraftfahrzeuge jene Fahrzeuge, die durch Muskelkraft fortbewegt werden und einen elektromotorischen Hilfsantrieb mit höchstens 0,25 kW Nenndauerleistung haben, dessen Unterstützung sich mit zunehmender Geschwindigkeit verringert und spätestens bei 25 km/h oder beim Aufhören des Tretens unterbrochen wird. Eine Anfahr- oder Schiebehilfe bis 6 km/h ist zusätzlich erlaubt. Das Gesetz zieht daraus die Konsequenz:
„Für Fahrzeuge im Sinne der Sätze 1 und 2 sind die Vorschriften über Fahrräder anzuwenden.“
Ein solches Pedelec ist also ein Fahrrad: kein Führerschein, kein Versicherungskennzeichen, keine Helmpflicht, Radwege erlaubt.
Anders beim S-Pedelec, das bis 45 km/h unterstützt. Es überschreitet die Grenzen des § 1 Absatz 3 und ist damit ein Kraftfahrzeug — mit Fahrerlaubnis, Versicherungskennzeichen, Helmpflicht und ohne Radwegbenutzung. Wer ein „E-Bike“ kauft, sollte deshalb wissen, welche der beiden Kategorien im Papier steht.
Wie viel Bewegung überhaupt empfohlen ist
Bevor sich die Frage stellt, ob E-Bike-Fahren „genug“ ist, hilft der Maßstab. Das Bundesministerium für Gesundheit fasst die WHO-Empfehlungen von 2020 und die nationalen Empfehlungen so zusammen:
- mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche in moderater Intensität oder mindestens 75 bis 150 Minuten in höherer Intensität,
- muskelkräftigende Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche,
- weitere Gesundheitseffekte bei mehr Umfang oder Intensität,
- und: „Erwachsene sollten lange, ununterbrochene Sitzphasen meiden und nach Möglichkeit das Sitzen regelmäßig mit körperlicher Aktivität unterbrechen.“
Eine Einschränkung der älteren Empfehlungen ist dabei entfallen: Es wird „nicht mehr als notwendig erachtet, dass die Aktivität in mindestens 10-minütigen Einheiten ausgeübt wird“. Auch der kurze Weg zählt.
Erreicht wird das selten. Nach der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ erfüllen 52 Prozent der 18- bis 64-Jährigen die Ausdauerempfehlung; nimmt man die Muskelkräftigung hinzu, sind es 29 Prozent. Der Anteil sinkt mit dem Alter: von 65 Prozent bei den 18- bis 29-Jährigen auf 47 Prozent bei den 45- bis 64-Jährigen.
Wo das Rad in diese Rechnung passt
Radfahren ist eine Ausdaueraktivität, die sich in den Alltag einbauen lässt, weil sie Wege ersetzt statt zusätzliche Zeit zu kosten. Und sie belastet die Gelenke weniger als Laufen, weil das Körpergewicht vom Sattel getragen wird — für Menschen mit Arthrose im Knie oder in der Hüfte ist das der entscheidende Unterschied.
Für das Pedelec gilt das mit einer ehrlichen Einschränkung: Der Motor nimmt einen Teil der Arbeit ab. Pro Kilometer ist die Belastung also geringer als auf einem Rad ohne Unterstützung. Wer die empfohlenen Minuten in moderater Intensität sammeln will, braucht auf dem Pedelec entsprechend mehr Zeit im Sattel oder eine niedrigere Unterstützungsstufe.
Der Nutzen liegt deshalb woanders — und er ist trotzdem real: Ein Pedelec macht Strecken, Steigungen und Gegenwind fahrbar, die sonst mit dem Auto zurückgelegt würden, und es hält Menschen auf dem Rad, die ohne Unterstützung aufhören würden. Gemessen wird der Gewinn nicht gegen ein Rennrad, sondern gegen den Autositz. Wer täglich zwei Wege von je 20 Minuten mit dem Pedelec fährt, kommt auf gut 200 Minuten Bewegung pro Woche, die vorher nicht stattfanden.
Zum Abnehmen gilt allerdings, was für Bewegung insgesamt gilt: Sie unterstützt, ersetzt aber keine Ernährungsumstellung. Das steht ausführlich unter Dauerhaft abnehmen. Und die Muskelkräftigung an zwei Tagen pro Woche deckt das Rad nicht ab — dafür braucht es etwas anderes.
Was die Unfallzahlen zeigen
Hier wird es unbequem, und genau deshalb gehört es in einen Beitrag über E-Bikes und Gesundheit. Das Statistische Bundesamt meldete im April 2026 für das Jahr 2025:
| Kennzahl | 2025 |
|---|---|
| getötete Radfahrende insgesamt | 462 |
| davon mit einem Pedelec | 217 |
| Anteil der Getöteten ab 65 Jahren (alle Räder) | 61,5 % |
| Anteil ab 65 Jahren unter den getöteten Pedelec-Fahrenden | 67,3 % |
| getötete Pedelec-Nutzende 2015 zum Vergleich | 36 |
Die Behörde benennt den Zusammenhang ausdrücklich: Die Zahl der getöteten Radfahrenden ist gegenüber 2015 um 20,6 Prozent gestiegen, und „der Anstieg ist auf die zunehmende Zahl von getöteten Pedelec-Nutzenden zurückzuführen“. Zum Vergleich: Die Zahl aller Verkehrstoten ging im selben Zeitraum um 18,4 Prozent zurück.
Zwei Einordnungen gehören dazu, sonst wird die Zahl falsch gelesen:
- Es fahren deutlich mehr Menschen Pedelec als 2015. Die Statistik erfasst nicht, wie viele Kilometer mit welchem Verkehrsmittel zurückgelegt werden — ein Risiko je gefahrenem Kilometer lässt sich daraus also nicht berechnen.
- Die meisten Unfälle passieren nicht allein. An zwei Dritteln (66,5 %) der 95.794 Fahrradunfälle mit Personenschaden war ein zweiter Verkehrsteilnehmer beteiligt, in 69,8 Prozent dieser Fälle ein Auto. Trug jemand die Hauptschuld, lag sie bei Unfällen mit Autos nur zu 25,3 Prozent bei den Radfahrenden.
Ein Drittel der Unfälle mit Personenschaden (31,1 %) sind jedoch Alleinunfälle — ohne anderes Fahrzeug. Das ist die Zahl, auf die man selbst Einfluss hat.
Was daraus praktisch folgt
- Das erste Mal nicht im Verkehr. Ein Pedelec beschleunigt anders und ist schwerer als ein gewohntes Rad. Die ersten Fahrten gehören auf eine ruhige Fläche — Anfahren, Bremsen, enge Kurven, Absteigen.
- Unterstützungsstufe niedrig beginnen. Das senkt die Geschwindigkeit, verlängert die Reichweite und erhöht nebenbei den Trainingseffekt.
- Helm tragen, auch ohne Pflicht. Für das Pedelec besteht keine Helmpflicht. Bei Kopfverletzungen entscheidet aber nicht die Rechtslage über den Ausgang.
- Bremsen und Reifen ernst nehmen. Höheres Gewicht und höhere Durchschnittsgeschwindigkeit verlängern den Bremsweg.
- Sichtbarkeit. Licht, helle Kleidung, Rückstrahler — bei einem Großteil der Unfälle ist ein Auto beteiligt, und gesehen zu werden ist der wirksamste Einzelfaktor.
- Rücksicht gegenüber Zufußgehenden. Bei Zusammenstößen zwischen Pedelec und Person zu Fuß kam es 2025 etwas häufiger zu Verletzungen als bei Rädern ohne Motor: 16 Schwer- und 119 Leichtverletzte je 100 Unfälle mit Personenschaden gegenüber 14 und 110.
Zur Sitzposition: Wer nach längeren Fahrten Beschwerden im Nacken oder im unteren Rücken hat, findet unter Rückenschmerzen im Alltag die Einordnung dazu — Sattelhöhe und Lenkerposition lassen sich im Fachhandel anpassen.
Wann ärztlicher Rat vorher sinnvoll ist
Für die meisten Menschen ist Radfahren ohne Vorbereitung möglich. In einigen Lagen gehört aber ein Gespräch davor:
- nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder bei bekannter Herzerkrankung,
- bei Schwindel, Gleichgewichtsstörungen oder Stürzen in der Vorgeschichte,
- bei Medikamenten, die Reaktionsvermögen oder Kreislauf beeinflussen,
- bei deutlich eingeschränktem Sehvermögen,
- wenn nach längerer Inaktivität mit intensiverem Training begonnen werden soll.
Was dieser Beitrag nicht leistet
Er ist keine Kaufberatung und nennt keine Marken, keine Modelle und keine Preise.
Er beziffert kein Risiko je gefahrenem Kilometer. Die Unfallstatistik erfasst die Fahrleistung nicht; aus den absoluten Zahlen lässt sich keine Gefährlichkeit je Kilometer ableiten.
Er nennt keinen Kalorienverbrauch. Der hängt von Gewicht, Tempo, Strecke und Unterstützungsstufe ab, und pauschale Angaben dazu sind nicht belegbar.
Er ersetzt keine ärztliche Beratung und keine sportmedizinische Untersuchung.
Er behandelt keine Verkehrsregeln im Einzelnen und keine versicherungsrechtlichen Fragen.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Jedes sechste Todesopfer im Straßenverkehr 2025 war mit dem Fahrrad unterwegs, Pressemitteilung Nr. N025 vom 27. April 2026 — 462 getötete Radfahrende 2025, darunter 217 mit einem Pedelec; Anstieg um 20,6 Prozent gegenüber 2015 und Zurückführung auf die Pedelec-Nutzenden (2015: 36 Getötete); 61,5 Prozent der tödlich Verunglückten ab 65 Jahren und 67,3 Prozent bei den Pedelecs; 95.794 Fahrradunfälle mit Personenschaden, davon 66,5 Prozent mit zweitem Verkehrsteilnehmer und darunter 69,8 Prozent mit Autobeteiligung; 31,1 Prozent Alleinunfälle; Hauptschuldanteile je Unfallgegner; Verletztenzahlen bei Zusammenstößen mit Zufußgehenden; Hinweis, dass die Fahrleistung nicht erfasst wird; statistische Definition des Pedelecs
- Bundesministerium für Gesundheit: Bewegungsförderung bei Erwachsenen (18–64 Jahre) in Deutschland — Bestandsaufnahme (Kurzversion) — Synthese der WHO-Empfehlungen von 2020 und der nationalen Empfehlungen von 2016: 150–300 Minuten moderate oder 75–150 Minuten höhere Intensität pro Woche, muskelkräftigende Aktivität an mindestens zwei Tagen, Vermeidung langer Sitzphasen, Wegfall der Mindestdauer von zehn Minuten je Einheit; Erfüllungsquoten nach GEDA 2019/2020 mit 52 Prozent für Ausdauer und 29 Prozent für die kombinierte Empfehlung sowie der Rückgang über die Altersgruppen
- Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz: § 1 Straßenverkehrsgesetz — Zulassung — Abgrenzung der Pedelecs von den Kraftfahrzeugen: höchstens 0,25 kW Nenndauerleistung, progressiv abnehmende Unterstützung, Unterbrechung spätestens bei 25 km/h oder beim Aufhören des Tretens, zusätzlich zulässige Anfahr- und Schiebehilfe bis 6 km/h; Anwendung der Vorschriften über Fahrräder auf diese Fahrzeuge
Zuletzt überarbeitet am
Hinweise zu Aktualisierungen und Korrekturen
Korrektur: Dieser Beitrag wurde am 13. September 2026 inhaltlich korrigiert.