Arthrose: was hilft, was nicht hilft und wann operiert wird

Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung — und eine, über die viel Halbwissen kursiert. Die Leitlinie der orthopädischen Fachgesellschaften wurde 2024 grundlegend überarbeitet und auf die höchste Entwicklungsstufe gehoben. Sie sagt an mehreren Stellen etwas anderes, als man gemeinhin hört.

Was Arthrose ist — und was ein Röntgenbild darüber aussagt

Die Leitlinie definiert die Arthrose des Kniegelenks als degenerative Erkrankung, „die durch eine progressive Zerstörung des Gelenkknorpels unter Mitbeteiligung der Gelenkstrukturen wie Bänder, Knochen, synovialer und fibröser Gelenkkapsel sowie periartikulärer Muskulatur gekennzeichnet“ ist. Betroffen ist also nicht nur der Knorpel, sondern das Gelenk als Ganzes.

Unmittelbar danach folgt ein Satz, der für Betroffene wichtiger ist als die Definition:

Nur ein Teil der Patient*innen mit radiologischen Veränderungen hat Funktionsstörungen oder Schmerzen.

Ein Befund auf dem Röntgenbild ist damit keine Diagnose und erst recht keine Prognose. Umgekehrt gilt dasselbe: Beschwerden ohne auffälliges Bild sind möglich.

Das Nationale Gesundheitsportal warnt zusätzlich vor dem geläufigsten Alltagswort für die Erkrankung:

„Umgangssprachlich wird Arthrose oft ‚Gelenkverschleiß‘ genannt. Das ist jedoch irreführend, denn es erweckt den Eindruck, dass Arthrose unaufhaltsam ist und das Gelenk durch normale Nutzung ‚verbraucht‘ wird.“

Der Anlaufschmerz — und woran man ihn von etwas anderem unterscheidet

Das typische Zeichen beschreibt das Gesundheitsportal so:

„In fortgeschrittenen Stadien werden die Gelenke auch nach längeren Ruhephasen steif. Morgens, nach langem Liegen, ist ein ‚Anlaufschmerz‘ typisch, der sich mit Bewegung schnell bessert. Wenn die Beweglichkeit sich auch nach 30 Minuten nicht verbessert, dann ist dies eher ein Zeichen für eine rheumatische Gelenkentzündung.

Diese halbe Stunde ist die praktisch nützlichste Angabe des ganzen Themas. Eine Morgensteifigkeit, die anhält, gehört ärztlich abgeklärt — eine rheumatische Entzündung wird anders behandelt als eine Arthrose, und je früher, desto besser.

Was die Leitlinie empfiehlt

Die S3-Leitlinie arbeitet mit abgestuften Empfehlungsgraden. Die drei stärksten Empfehlungen (⇑⇑) betreffen nichts, was man kaufen kann:

  • Bewegungstherapie. Wörtlich: „Wir empfehlen, bei Patient*innen mit Gonarthrose eine an die individuellen Bedürfnisse angepasste Bewegungstherapie durchzuführen.“ Ergänzend schlägt die Leitlinie vor, sie unter Aufsicht durchführen zu lassen. Manuelle Therapie empfiehlt sie nur in Kombination mit Bewegungstherapie — „unzureichende Belege für eine alleinige Durchführung“.
  • Gewichtsmanagement bei Übergewicht. Wörtlich: „Jede Abnahme in Richtung Normalgewicht bedeutet weniger Schmerzen, bessere Beweglichkeit und langsamere Arthroseprogression.“
  • Information und Schulung der Betroffenen.

Zur Einordnung der Bewegungstherapie gehört, wie stark der Effekt tatsächlich ist. Ein Cochrane-Review von 2024 fasst zusammen:

„We found low‐ to moderate‐certainty evidence that exercise probably results in an improvement in pain, physical function, and quality of life in the short‐term. However, based on the thresholds for minimal important differences that we used, these benefits were of uncertain clinical importance.“

Ein spürbarer, aber kein dramatischer Effekt — und trotzdem die am besten belegte Maßnahme, die es gibt.

Bei den Schmerzmitteln unterscheidet die Leitlinie nach Wirkstoffgruppe: entzündungshemmende Schmerzmittel zum Auftragen auf die Haut stehen an erster Stelle, dieselben Wirkstoffe zum Einnehmen erst danach. Welches Mittel für wen infrage kommt, hängt von Begleiterkrankungen und anderen Arzneimitteln ab und gehört deshalb in ärztliche Hand.

Wovon die Leitlinie abrät

Das ist der Teil, der selten in Ratgebern steht.

  • Glucosamin. Empfehlungsgrad ⇓⇓ — die stärkste Form der Ablehnung: „Wir empfehlen nicht die Behandlung von Gonarthrosepatient*innen mit Glucosamin.“ Und für das Gespräch in der Praxis: „Wenn eine/ein Gonarthrosepatientin/patient nach Glucosamin fragt, erklären Sie, dass es keine eindeutigen Beweise für den Nutzen von Glucosamin gibt.“ Für eine knorpelschützende Wirkung gibt es nach derselben Leitlinie „keinen sicheren Beleg“.
  • Nahrungsergänzungsmittel mit Chondroitin oder Glucosamin. Das Gesundheitsportal führt sie ausdrücklich unter den Angeboten „ohne nachgewiesenen Nutzen“.
  • Paracetamol als Dauerlösung. Ebenfalls ⇓⇓: „Wir empfehlen, dass Patient*innen mit Gonarthrose nicht routinemäßig mit Paracetamol behandelt werden“ — Ausnahme ist der seltene, kurzfristige Einsatz. Das Gesundheitsportal formuliert es knapper: „Paracetamol ist bei Kniearthrose nicht wirksam.“

Wann ein künstliches Gelenk infrage kommt

Dass mit zunehmendem Verschleiß „häufig zu einem operativen Eingriff geraten“ werde, trifft so nicht zu. Die eigene Leitlinie zur Indikationsstellung setzt zwei nachprüfbare Bedingungen:

  • „Für die Indikation zur Knieendoprothese soll eine adäquate konservative Therapie über mindestens 3 Monate erfolglos durchgeführt worden sein.“
  • „Bei Gonarthrose soll in einer unter Belastung durchgeführten Röntgenaufnahme ein Kellgren & Lawrence Grad 3 oder 4 bestehen.“

Beides zusammen heißt: Die Operation steht am Ende einer Behandlung, nicht an ihrem Anfang.

Eine Lücke, die dieser Beitrag benennt statt sie zu überspielen

Für die Hüftarthrose gibt es derzeit keine gültige deutsche Leitlinie. Die Leitlinie zur Koxarthrose (AWMF 033-001) ist abgelaufen — das Register führt die Datei selbst mit dem Zusatz „abgelaufen“ —, und die Leitlinie zur Indikation einer Hüftprothese hat ihren Überprüfungstermin ebenfalls überschritten. Ein Nachfolgedokument liegt nicht vor.

Die Aussagen dieses Beitrags zu Beschwerdebild, Bewegungstherapie und Gewicht stützen sich für die Hüfte deshalb auf das Nationale Gesundheitsportal; die zitierten Empfehlungsgrade und Wirkstoffaussagen stammen aus der Leitlinie zum Kniegelenk und werden hier nicht stillschweigend auf die Hüfte übertragen.

Was dieser Beitrag nicht leistet

  • Keine Präparatenamen, keine Dosierungen, keine Bezugsquellen.
  • Keine Heilungsaussage. Die herangezogenen Quellen beschreiben Maßnahmen, die Schmerzen lindern, die Beweglichkeit verbessern und das Fortschreiten verlangsamen können — nicht die Wiederherstellung von Knorpel.
  • Keine Bewertung einzelner Verfahren wie Injektionen in das Gelenk oder Kniegelenksspiegelung. Die Leitlinie behandelt sie in eigenen Kapiteln; hier fehlt dafür die Tiefe.
  • Keine Übungsanleitung. Welche Bewegungstherapie geeignet ist, hängt vom Befund ab; die Leitlinie empfiehlt sie ausdrücklich „an die individuellen Bedürfnisse angepasst“ und unter Aufsicht.

Quellen

  • Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie u. a.: S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose, AWMF-Registernummer 187-050, Version 5.0, Überarbeitung vom 12.07.2024, nächste Überprüfung geplant für den 11.07.2029 (PDF, 342 Seiten). Trägt: Definition der Gonarthrose im zitierten Wortlaut · „Nur ein Teil der Patient*innen mit radiologischen Veränderungen hat Funktionsstörungen oder Schmerzen.“ · Bewegungstherapie (34. Empfehlung, ⇑⇑) und Aufsicht · manuelle Therapie nur in Kombination (35. Empfehlung) · Gewichtsreduktion mit „Jede Abnahme in Richtung Normalgewicht bedeutet weniger Schmerzen, bessere Beweglichkeit und langsamere Arthroseprogression.“ · Glucosamin ⇓⇓ im zitierten Wortlaut und „keinen sicheren Beleg für eine strukturmodifizierende (chondroprotektive) Wirkung“ · Paracetamol ⇓⇓ „nicht routinemäßig“ · Rangfolge von topischen und oralen entzündungshemmenden Schmerzmitteln.
  • Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie: Leitlinie Indikation Knieendoprothese, AWMF-Registernummer 187-004, im Dokument ausgewiesene Gültigkeit bis 13.03.2028 (PDF). Trägt: „Für die Indikation zur Knieendoprothese soll eine adäquate konservative Therapie über mindestens 3 Monate erfolglos durchgeführt worden sein.“ · Kellgren-&-Lawrence-Grad 3 oder 4 in der Belastungsaufnahme.
  • Bundesministerium für Gesundheit, Nationales Gesundheitsportal: Arthrose: Symptome, Verlauf, Behandlung, Stand 22.09.2025. Trägt: Anlaufschmerz und die Abgrenzung „Wenn die Beweglichkeit sich auch nach 30 Minuten nicht verbessert, dann ist dies eher ein Zeichen für eine rheumatische Gelenkentzündung.“ · Beschreibung der Knorpelveränderung.
  • Bundesministerium für Gesundheit, Nationales Gesundheitsportal: Kniearthrose (Gonarthrose): Behandlung, Stand 23.02.2026. Trägt: „Umgangssprachlich wird Arthrose oft ‚Gelenkverschleiß‘ genannt. Das ist jedoch irreführend …“ · Nahrungsergänzungsmittel mit Chondroitin oder Glucosamin unter den Angeboten „ohne nachgewiesenen Nutzen“ · „Paracetamol ist bei Kniearthrose nicht wirksam.“
  • Cochrane Database of Systematic Reviews: Exercise for osteoarthritis of the knee, 2024;12:CD004376.pub4. Trägt: die zitierte Schlussfolgerung zur Wirkstärke der Bewegungstherapie.

Zuletzt überarbeitet am

Hinweise zu Aktualisierungen und Korrekturen

Korrektur: Dieser Beitrag wurde am 10. September 2026 inhaltlich korrigiert.