Ein Getränk und ein Präparat, die nichts miteinander zu tun haben
Die Frage „Ist grüner Tee gesund?“ führt in die Irre, weil sie zwei Dinge zusammenfasst, die sicherheitstechnisch getrennt zu betrachten sind:
- der Aufguss — Teeblätter mit heißem Wasser übergossen,
- der Extrakt — konzentrierte Grünteekatechine in Kapseln oder Tabletten, meist als Nahrungsergänzungsmittel zum Abnehmen vermarktet.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat beide bewertet und ist zu gegensätzlichen Ergebnissen gekommen. Das ist der wichtigste Inhalt dieses Beitrags.
Der Aufguss: keine Bedenken
In ihrer Bewertung der Sicherheit von Grünteekatechinen vom April 2018 kam die EFSA für Teeaufgüsse zu dem Schluss, dass
„im Allgemeinen, selbst nach hohem Konsum, keine Hinweise auf Leberschäden vorliegen und dass die wenigen beim Menschen berichteten Fälle von Leberschäden wahrscheinlich auf seltene und unvorhersehbare Reaktionen zurückzuführen sind.“
Katechine aus mit heißem Wasser aufgegossenem grünem Tee sowie aus Instant- und trinkfertigen Grünteegetränken mit ähnlichem Katechingehalt stufte die Behörde als allgemein sicher ein.
Der Extrakt: keine unbedenkliche Dosis bestimmbar
Für Nahrungsergänzungsmittel fiel das Ergebnis anders aus. Ausgehend von Humanstudien mit Freiwilligen unter ärztlicher Aufsicht befand die EFSA, dass
EGCG-Dosen von 800 mg pro Tag mit ersten Anzeichen von Leberschäden in Zusammenhang stehen können.
EGCG — Epigallocatechingallat — ist das häufigste Katechin des grünen Tees. Und der entscheidende zweite Satz: Auch wenn unterhalb von 800 mg pro Tag keine Hinweise auf Leberschäden vorlagen, konnten die Sachverständigen keine unbedenkliche Dosis bestimmen.
Anlass der Bewertung waren Bedenken aus den nordischen Ländern, nachdem Fälle von Leberschäden gemeldet worden waren, die möglicherweise mit Grüntee-Produkten zusammenhingen.
Die Zahlen nebeneinander
| Quelle der Katechine | tägliche EGCG-Aufnahme |
|---|---|
| traditioneller Grünteeaufguss, im Durchschnitt | 90 bis 300 mg |
| Grünteeaufguss bei sehr hohem Konsum | bis zu 866 mg |
| Nahrungsergänzungsmittel mit Grünteekatechinen | 5 bis 1.000 mg |
| Schwelle, ab der erste Anzeichen von Leberschäden auftreten können | 800 mg |
Warum ausgerechnet Abnehmpräparate
Die EFSA benennt den Unterschied, der über den Aufguss hinausgeht — und er liegt nicht nur in der Konzentration:
„Aufgüsse [werden] meist zusammen mit Lebensmitteln und über den Tag verteilt konsumiert, während Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere solche zum Abnehmen, eher in nüchternem Zustand und in einer einzigen Tagesdosis eingenommen werden.“
Dieselbe Menge, anders eingenommen, ist damit nicht dieselbe Belastung. Wer ein Grüntee-Präparat zum Abnehmen einnimmt, trifft genau die Konstellation, die der Bewertung zugrunde lag.
Zur Verbesserung des Verbraucherschutzes empfahl die EFSA weitere Studien sowie eine klarere Kennzeichnung von Grüntee-Produkten hinsichtlich ihrer Katechingehalte und möglicher Gesundheitsrisiken.
Koffein: der zweite Inhaltsstoff, der zählt
Grüner Tee enthält Koffein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung nennt als Orientierungswert 30 Milligramm je Tasse zu 200 Millilitern — etwa ein Drittel einer Tasse Filterkaffee.
Die Unbedenklichkeitsgrenzen gelten für Koffein aus allen Quellen zusammen: bis zu 400 mg pro Tag für gesunde Erwachsene, bis zu 200 mg für Schwangere und Stillende, 3 mg je Kilogramm Körpergewicht für gesunde Kinder und Jugendliche. Für Menschen mit Erkrankungen und für Personen, die Medikamente einnehmen, gelten diese Werte nach ausdrücklicher Feststellung des BfR nicht.
Damit ist auch die alte Faustregel „für Kinder ungeeignet“ präziser gefasst: Es ist keine Frage des Tees, sondern der Koffeinmenge im Verhältnis zum Körpergewicht.
Grüner und schwarzer Tee
Beide stammen von derselben Pflanze, Camellia sinensis. Der Unterschied entsteht in der Verarbeitung: Für schwarzen Tee werden die Blätter fermentiert, für grünen Tee nicht — sie werden mit heißem Dampf behandelt und getrocknet. Dabei bleiben die Katechine weitgehend erhalten, während sie bei der Herstellung von schwarzem Tee zu größeren Verbindungen umgewandelt werden.
Eine gesundheitliche Überlegenheit des grünen Tees lässt sich daraus nicht ableiten. Das trägt keine der hier herangezogenen Quellen — und aus der Sicherheitsbewertung folgt eher das Gegenteil: Der höhere Katechingehalt ist genau der Grund, warum grüner Tee überhaupt bewertet wurde.
Wo grüner Tee in den Tag gehört
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ordnet Tee mit Koffein den Genussmitteln zu: Als Durstlöscher nennt sie Mineral- und Trinkwasser sowie ungesüßte Kräuter- und Früchtetees; Kaffee und schwarzer Tee sollten in moderaten Mengen von drei bis vier Tassen getrunken werden.
Was sich aus diesen Quellen nicht ableiten lässt
- dass grüner Tee vor Krebs schützt,
- dass er vor Arteriosklerose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt,
- dass er vor Karies schützt,
- dass er beim Abnehmen hilft,
- dass er den Cholesterinspiegel oder die Blutfette günstig beeinflusst.
Für alle fünf Aussagen ließ sich keine Quelle der geforderten Stufen anführen. Sie stehen deshalb nicht in diesem Beitrag — auch nicht abgeschwächt: Eine Wirkung mit „möglicherweise“ zu versehen macht sie nicht belegter.
Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist
- vor der Einnahme eines Grüntee-Extrakts oder eines Abnehmpräparats mit Grünteekatechinen — insbesondere bei bekannter Lebererkrankung
- bei Oberbauchbeschwerden, Übelkeit, Gelbfärbung von Haut oder Augen oder dunklem Urin während der Einnahme eines solchen Präparats — dann umgehend
- bei gleichzeitiger Einnahme von Arzneimitteln
- in Schwangerschaft und Stillzeit bei hohem Konsum koffeinhaltiger Getränke
Was dieser Beitrag nicht leistet
Er nennt keine Marken und keine Präparate.
Er empfiehlt weder für noch gegen Grüntee-Extrakte. Er gibt wieder, was die europäische Sicherheitsbewertung dazu festgestellt hat — und dass sie keine unbedenkliche Dosis benennen konnte.
Er ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA): EFSA bewertet Sicherheit von Grünteekatechinen, veröffentlicht am 18. April 2018. Trägt: Anlass der Bewertung (gemeldete Fälle von Leberschäden in den nordischen Ländern) · EGCG als häufigstes Katechin · „im Allgemeinen, selbst nach hohem Konsum, keine Hinweise auf Leberschäden“ für Aufgüsse, seltene und unvorhersehbare Reaktionen als Erklärung der Einzelfälle, Einstufung von Aufgüssen sowie Instant- und trinkfertigen Grünteegetränken als allgemein sicher · „dass EGCG-Dosen von 800 mg/Tag mit ersten Anzeichen von Leberschäden in Zusammenhang stehen können“ · keine Bestimmung einer unbedenklichen Dosis für Nahrungsergänzungsmittel möglich · tägliche EGCG-Aufnahme aus Nahrungsergänzungsmitteln 5 bis 1.000 mg, aus traditionellen Aufgüssen 90 bis 300 mg, bei hohem Konsum bis zu 866 mg · Einnahme von Abnehmpräparaten „eher in nüchternem Zustand und in einer einzigen Tagesdosis“ · Empfehlung weiterer Studien und einer klareren Kennzeichnung.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Kaffee, Energy Drinks oder Koffeinpulver: Muntermacher mit gesundheitlichen Risiken?, Stand 05.01.2026. Trägt: Koffeingehalt von grünem Tee mit 30 mg je Tasse zu 200 ml · unbedenkliche Aufnahmemengen von 400 mg pro Tag für gesunde Erwachsene, 200 mg für Schwangere und Stillende, 3 mg je kg Körpergewicht für gesunde Kinder und Jugendliche · ausdrückliche Feststellung, dass diese Mengen für Erkrankte sowie bei Einnahme von Medikamenten oder Drogen und bei größeren Alkoholmengen nicht gelten.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte Wasser. Trägt: Einordnung von Kaffee und schwarzem Tee als Genussmittel mit der Maßgabe moderater Mengen von drei bis vier Tassen · Mineral- und Trinkwasser sowie ungesüßte Kräuter- und Früchtetees als die geeigneten Durstlöscher.
Zuletzt überarbeitet am
Hinweise zu Aktualisierungen und Korrekturen
Korrektur: Dieser Beitrag wurde am 10. September 2026 inhaltlich korrigiert.