Kontaktlinsen: Pflege, Hygiene und das Risiko einer Hornhautentzündung

Kontaktlinsen sind Medizinprodukte, die unmittelbar auf der Hornhaut liegen — und ihr Tragen ist neben Verletzungen der wichtigste Risikofaktor für eine mikrobielle Keratitis, eine durch Erreger verursachte Hornhautentzündung. Das ist der Grund, warum Pflege und Hygiene hier keine Komfortfrage sind. Dieser Beitrag ordnet das Risiko in Zahlen ein, benennt die Umstände, die es erhöhen, und beschreibt, woran eine beginnende Entzündung zu erkennen ist.


Wie groß das Risiko tatsächlich ist

Die Zahlen stammen aus einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt aus dem Jahr 2022:

  • In Deutschland nutzten 2021 schätzungsweise 3,7 Millionen Menschen Kontaktlinsen — etwa 45 Prozent regelmäßig, 55 Prozent gelegentlich.
  • Je nach Studiendesign berichten 23 bis 94 Prozent der Trägerinnen und Träger von Beschwerden oder Augenproblemen im Zusammenhang mit dem Tragen.
  • In einer Befragung von knapp 1.000 Trägerinnen und Trägern gab fast ein Drittel an, mindestens einmal wegen eines schmerzhaften roten Auges ärztlich vorstellig geworden zu sein.
  • Das Tragen von Kontaktlinsen ist für 52 bis 65 Prozent der neu aufgetretenen Fälle einer mikrobiellen Keratitis verantwortlich.
  • Das Risiko für eine mikrobielle Keratitis ist bei Kontaktlinsenträgern damit 80-mal höher als bei Menschen, die keine Kontaktlinsen nutzen.

Zwei Einordnungen gehören dazu, damit diese Zahlen nicht falsch gelesen werden.

Erstens ist die mikrobielle Keratitis für sich genommen selten. Die Übersichtsarbeit beziffert die Häufigkeit einer kontaktlinsenassoziierten Keratitis auf 0,4 bis 4 Fälle je 10.000 Trägerinnen und Träger bei formstabilen Linsen und auf 2 bis 4 je 10.000 bei weichen Linsen, die über Nacht abgenommen werden. Ein 80-fach erhöhtes Risiko bezieht sich auf ein niedriges Ausgangsniveau.

Zweitens ist ein erheblicher Teil davon vermeidbar. Die Übersichtsarbeit hält fest, dass vermeidbare Faktoren für jeweils ein Drittel der beobachteten Hornhautinfektionen verantwortlich sind.

Der Faktor mit dem größten Hebel: über Nacht tragen

Dieselbe Arbeit nennt für „Über-Nacht-Kontaktlinsen“ 20 Fälle je 10.000 Trägerinnen und Träger — ein Vielfaches der Werte für Linsen, die abends herausgenommen werden.

Die Leitlinie Nr. 6 des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands und der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (Stand 11.01.2012) formuliert die Konsequenz eindeutig: Vom verlängerten Tragen über Nacht sollte wegen Schädigungen des Epithels, des Stromas und des Endothels abgeraten werden. Wird es dennoch gewünscht, sollen die Linsen eine besonders hohe Sauerstoffdurchlässigkeit aufweisen und die Kontrolltermine enger liegen.


Warum Hygiene der zweite große Hebel ist

Dieselbe Leitlinie benennt den Anteil, den die Handhabung hat:

„Da mangelnde Hygiene mehr als 2/3 der Kontaktlinsenkomplikationen verursacht, nur wenige Kontaktlinsenträger die Pflegeschritte stringent durchführen, muss auf eine gute Compliance intensiv hingewiesen werden.“

Der zweite Halbsatz ist der eigentlich bemerkenswerte: Es geht nicht um fehlendes Wissen, sondern um die Durchführung im Alltag. Genau deshalb sieht die Leitlinie die Einweisung und Schulung in Handhabung und Pflege als festen Bestandteil der Abgabe vor — und bei jeder Kontrolle einen erneuten Hinweis auf die Pflegeschritte.

Welche Pflegeschritte gelten, steht nicht in einem Ratgeber

Dieser Beitrag nennt bewusst keine allgemeingültige Pflegeanleitung. Die Schritte unterscheiden sich nach Linsentyp und Pflegesystem erheblich — ein Peroxidsystem wird anders gehandhabt als eine Kombilösung, und die vorgeschriebene Einwirkzeit ist Teil der Wirksamkeit. Maßgeblich sind:

  • die Einweisung bei der Anpassung, die die Leitlinie ausdrücklich vorsieht,
  • die Gebrauchsanweisung des Pflegesystems, das Sie tatsächlich verwenden,
  • die Tragedauer und der Austauschrhythmus, die für Ihre Linse vorgesehen sind.

Eine im Internet gefundene Anleitung ersetzt beides nicht — und wer sein Pflegesystem wechselt, wechselt in aller Regel auch die Vorgehensweise.

Wie oft eine Kontrolle vorgesehen ist

Die Leitlinie nennt für den beschwerdefreien Regelfall folgende Abstände:

  • bei der Abgabe der Linsen,
  • gegebenenfalls 2 bis 3 Monate nach der Abgabe bei einer Erstanpassung,
  • danach sinnvoll alle 6 Monate, mindestens einmal im Jahr,
  • bei Dauertragen häufiger,
  • und immer bei Beschwerden.

Wenn das Auge rot wird: die Keratitis

Die Leitlinie Nr. 13 „Keratitis“ derselben Fachgesellschaften (Stand 17.08.2011) definiert die Keratitis als alle durch Erreger ausgelösten oder immunologisch bedingten Hornhautentzündungen einschließlich stromaler Defekte (Ulzera).

Als häufigste Erreger nennt sie Staphylokokken, Streptokokken, Pseudomonas aeruginosa, Chlamydien, Herpes simplex, Varicella zoster, Adenoviren, Pilze und Akanthamöben. Rund 30 Prozent aller bakteriellen Keratitiden stehen nach den dort angeführten Angaben aus den USA im Zusammenhang mit dem Tragen von Kontaktlinsen.

Unter Prävention führt die Leitlinie zwei Punkte auf: das Ausschalten oder Behandeln von Risikofaktoren — etwa eitrige Prozesse der Lider und Tränenwege, Lidfehlstellungen, Lidschlussdefizite, Sensibilitätsstörungen, trockenes Auge und Verletzungen — sowie Kontaktlinsenhygiene und augenärztliche Kontrolle von Kontaktlinsenträgern.

Das Ziel der Behandlung beschreibt sie als rasche Heilung durch gezielte, differentialdiagnostisch abgesicherte Therapie, Linderung der Schmerzen und Vermeidung von Komplikationen — optisch störende Narben und Perforation. Damit ist auch gesagt, was auf dem Spiel steht: Eine Hornhautnarbe im Bereich der Sehachse bleibt.

Was bei der Untersuchung geschieht

Die Leitlinie sieht bei entsprechender Vorgeschichte ausdrücklich vor, die Kontaktlinse und ihr Zubehör für eine Kulturgewinnung heranzuziehen, und bei Verdacht auf Akanthamöben die Gewinnung von Material aus dem Ulkus mit histologischem Zystennachweis. Praktisch heißt das: Linsen und Behälter nicht wegwerfen, sondern zum Termin mitbringen.


Wann ärztliche Abklärung nötig ist

Nicht abwarten, sondern augenärztlich abklären lassen — und die Linsen bis dahin nicht wieder einsetzen:

  • schmerzhaftes rotes Auge
  • Lichtempfindlichkeit, Blendempfindlichkeit
  • Sehverschlechterung oder verschwommenes Sehen
  • Fremdkörpergefühl, das nach dem Herausnehmen der Linse bestehen bleibt
  • vermehrtes Tränen oder Absonderung
  • ein weißlicher Fleck auf der Hornhaut

Die Leitlinie führt die Kontaktlinsenanamnese — welche Linsen, seit wann, tägliche Tragezeit, Hygiene — unter den notwendigen Bestandteilen der Untersuchung auf. Diese Angaben sind für die Diagnose relevant; sie gehören unverkürzt in das Gespräch.


Was dieser Beitrag nicht leistet

Er nennt keine Marken, keine Hersteller und keine Pflegemittel.

Er trifft keine Auswahl zwischen weichen und formstabilen Linsen. Welche Versorgung geeignet ist, ergibt sich aus dem Befund und wird bei der Anpassung entschieden.

Er nennt keine Austauschintervalle. Pauschale Angaben wie „eineinhalb Jahre“ für weiche und „zwei Jahre“ für harte Linsen oder ein Behälterwechsel „alle drei bis vier Monate“ sind ohne Beleg. Maßgeblich ist die Vorgabe für das konkrete Produkt.

Er ersetzt die Kontrolle nicht. Die Leitlinie sieht sie mindestens einmal jährlich vor, auch ohne Beschwerden.


Häufige Fragen

Wie viel höher ist das Risiko einer Hornhautentzündung mit Kontaktlinsen?

Die Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt beziffert es auf das 80-Fache gegenüber Menschen ohne Kontaktlinsen. Absolut betrachtet bleibt die Erkrankung selten: 0,4 bis 4 Fälle je 10.000 Trägerinnen und Träger bei formstabilen Linsen und 2 bis 4 je 10.000 bei weichen Linsen, die nachts herausgenommen werden.

Darf man mit Kontaktlinsen schlafen?

Die BVA/DOG-Leitlinie rät vom verlängerten Tragen über Nacht ab, weil es Epithel, Stroma und Endothel der Hornhaut schädigen kann. Wo es dennoch geschieht, steigt die Häufigkeit einer Keratitis auf 20 Fälle je 10.000 Trägerinnen und Träger — ein Vielfaches gegenüber Linsen, die abends herausgenommen werden.

Wie oft sollte man zur Kontrolle?

Im beschwerdefreien Regelfall sieht die Leitlinie eine Kontrolle alle sechs Monate vor, mindestens jedoch einmal jährlich; bei Erstanpassung zusätzlich nach zwei bis drei Monaten und bei Dauertragen häufiger. Bei Beschwerden gilt kein Intervall, sondern: sofort.

Warum steht hier keine Pflegeanleitung?

Weil eine allgemeine Anleitung dem konkreten Produkt nicht gerecht wird. Peroxid- und Kombisysteme werden unterschiedlich gehandhabt, Einwirkzeiten sind Teil der Wirksamkeit. Verbindlich sind die Einweisung bei der Anpassung und die Gebrauchsanweisung des verwendeten Pflegesystems.

Was soll ich zum Arzttermin mitbringen?

Die Linsen und den Behälter. Die Leitlinie sieht bei Kontaktlinsenanamnese ausdrücklich die Kulturgewinnung von Kontaktlinse und Zubehör vor — sie kann den Erreger nachweisen und damit die Behandlung steuern.


Quellen

  • Maier P, Kammrath Betancor P, Reinhard T: Kontaktlinsen-assoziierte Keratitis — eine häufig unterschätzte Gefahr. Übersichtsarbeit, Deutsches Ärzteblatt International 2022; 119: 669–674, DOI 10.3238/arztebl.m2022.0281. Trägt: rund 3,7 Millionen Kontaktlinsennutzende in Deutschland 2021 mit 45 % regelmäßiger und 55 % gelegentlicher Nutzung · 23–94 % mit Beschwerden je nach Studiendesign · fast ein Drittel von knapp 1.000 Befragten mit mindestens einer ärztlichen Vorstellung wegen eines schmerzhaften roten Auges · 52–65 % der neuen mikrobiellen Keratitiden durch Kontaktlinsentragen · 80-fach erhöhtes Risiko gegenüber Nichtträgern · vermeidbare Faktoren für je ein Drittel der Hornhautinfektionen · Inzidenzen von 0,4–4 je 10.000 (formstabil), 2–4 je 10.000 (weich, nachts abgenommen) und 20 je 10.000 (Über-Nacht-Linsen).
  • Berufsverband der Augenärzte Deutschlands und Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft: Leitlinie Nr. 6 „Kontaktlinsenanpassung und -kontrollen“, Stand 11.01.2012. Trägt: Abraten vom verlängerten Tragen über Nacht wegen Epithel-, Stroma- und Endothelschädigungen sowie engere Kontrolltermine, falls es dennoch erfolgt · „Da mangelnde Hygiene mehr als 2/3 der Kontaktlinsenkomplikationen verursacht, nur wenige Kontaktlinsenträger die Pflegeschritte stringent durchführen, muss auf eine gute Compliance intensiv hingewiesen werden“ · Einweisung und Schulung in Handhabung und Pflege bei der Abgabe und erneuter Hinweis bei jeder Kontrolle · Kontrollintervalle bei Abgabe, bei Beschwerden, ggf. 2–3 Monate nach Erstanpassung, sinnvoll alle 6 Monate und mindestens einmal jährlich, bei Dauertragen häufiger.
  • Berufsverband der Augenärzte Deutschlands und Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft: Leitlinie Nr. 13 „Keratitis“, Stand 17.08.2011. Trägt: Definition der Keratitis einschließlich stromaler Defekte · die genannten häufigsten Erreger einschließlich Akanthamöben · rund 30 % aller bakteriellen Keratitiden im Zusammenhang mit Kontaktlinsen (Angaben aus den USA) · Prävention durch Ausschalten der genannten Risikofaktoren sowie Kontaktlinsenhygiene und augenärztliche Kontrolle · Behandlungsziele einschließlich Vermeidung optisch störender Narben und einer Perforation · Kontaktlinsenanamnese als notwendiger Bestandteil der Untersuchung · Kulturgewinnung von Kontaktlinse und Zubehör sowie histologischer Zystennachweis bei Akanthamöbenverdacht.

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Hinweise zu Aktualisierungen und Korrekturen

Korrektur: Dieser Beitrag wurde am 10. September 2026 inhaltlich korrigiert.