Korrekturhinweis vom 10. September 2026. Die frühere Fassung dieses Beitrags stellte Kortison als übliche Tinnitusbehandlung dar — als Infusion, in Tablettenform und als Injektion ins Mittelohr —, ohne die Verschreibungspflicht, eine Gegenanzeige oder den Arztvorbehalt zu nennen. Sie schrieb außerdem „durchblutungsfördernden Medikamenten, Magnesium, Vitamin-B-Komplexen oder pflanzlichen Präparaten“ eine unterstützende Wirkung zu. Die S3-Leitlinie spricht sich mit ihrer stärksten Form gegen Nahrungsergänzungsmittel bei chronischem Tinnitus aus. Von den vier angeführten Belegen waren drei nach der Quellenregel unbrauchbar — zwei bloße Startadressen und ein Verweis über zwei Zwischenstationen. Der Beitrag ist nach der Leitlinie neu geschrieben, die vertrauliche Leseransprache ist entfernt. Ergänzung vom 10. September 2026: Der Abschnitt zum akuten Hörverlust stützte sich bis dahin auf keine Quelle. Er ist nach dem Nationalen Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Gesundheit neu gefasst. Dabei kam ein Punkt hinzu, der zuvor fehlte: Eine höhere Glukokortikoiddosis als üblich bringt keinen zusätzlichen Nutzen, erhöht aber das Risiko für Nebenwirkungen. Die frühere Leitlinie zum Hörsturz (AWMF 017/010) ist abgelaufen und wurde deshalb nicht herangezogen.
Worum es geht
Tinnitus ist die Wahrnehmung eines Geräuschs ohne äußere Schallquelle — Pfeifen, Summen, Rauschen oder Klingeln. Unterschieden wird nach dem Zeitverlauf: Ein Tinnitus gilt ab einer Dauer von etwa drei Monaten als chronisch.
Diese Unterscheidung ist keine Formalie. Für den akuten und den chronischen Tinnitus gelten unterschiedliche Vorgehensweisen — und die meisten Aussagen, die im Umlauf sind, betreffen den chronischen.
Akuter Tinnitus und plötzlicher Hörverlust: zeitkritisch, ärztliche Sache
Ein plötzlich aufgetretener Tinnitus, besonders zusammen mit einer Hörminderung, einem Druckgefühl auf dem Ohr oder Schwindel, gehört zeitnah in die HNO-ärztliche Untersuchung. Dahinter kann ein Hörsturz stehen, und die Abklärung dient zunächst dem Ausschluss behandelbarer Ursachen.
Nach Darstellung des Nationalen Gesundheitsportals des Bundesministeriums für Gesundheit lässt sich bei mehr als 90 Prozent der Betroffenen keine eindeutige Ursache für einen plötzlichen Hörverlust finden; erst dann spricht man von einem Hörsturz. Auszuschließen sind unter anderem Tumoren an Hör- oder Gleichgewichtsnerv, die Menière-Krankheit, Viruserkrankungen, Autoimmunerkrankungen, neurologische und Stoffwechselerkrankungen, Nebenwirkungen bestimmter Medikamente, Lärmeinwirkung und ein Barotrauma. Genau deshalb steht die Untersuchung am Anfang und nicht die Behandlung.
Zur Häufigkeit: Schätzungen zufolge haben in Deutschland jährlich etwa 160 bis 400 von 100.000 Personen einen Hörsturz. Besonders häufig sind Erwachsene um das 50. Lebensjahr betroffen; Männer und Frauen etwa gleich oft, Kinder selten. Ein beidseitiger plötzlicher Hörverlust ist sehr selten — in diesem Fall ist umgehend ärztlicher Rat einzuholen.
Zur medikamentösen Behandlung
In dieser Situation werden ärztlich meist entzündungshemmend wirkende Glukokortikoide eingesetzt — als Tabletten, als Infusion über die Vene oder als Injektion in das Mittelohr. Welche Anwendungsform gewählt wird, hängt nach Darstellung des Gesundheitsportals davon ab, wie stark der Hörverlust ist, welche Tonfrequenzen betroffen sind und welche Grunderkrankungen vorliegen.
Diese Arzneimittel sind verschreibungspflichtig und werden ausschließlich ärztlich verordnet und überwacht; vor der Anwendung ist die Eignung im Einzelfall ärztlich zu prüfen. Gegenanzeigen bestehen unter anderem bei bestimmten Infektionen; eine systemische Gabe kann den Blutzucker erhöhen, was insbesondere bei Diabetes zu berücksichtigen ist. Ob eine solche Behandlung im Einzelfall angezeigt ist, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Mehr hilft hier nicht mehr. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen bringt eine höhere Glukokortikoiddosis als üblich keinen zusätzlichen Nutzen — sie erhöht im Gegenteil das Risiko für Nebenwirkungen.
Weiter hält das Gesundheitsportal fest: Ein für die gezielte Behandlung des Hörsturzes zugelassenes Medikament gibt es bisher nicht; die Therapie stützt sich auf Erfahrungswerte, und keine der möglichen Behandlungen stellt das Hörvermögen zuverlässig bei allen Menschen wieder her. Bei geringem Hörverlust ohne Beeinträchtigung des Sprachverständnisses kann auch der natürliche Verlauf abgewartet werden. Für die mitunter angebotene hyperbare Sauerstofftherapie in der Druckkammer ist eine Linderung oder Heilung bisher nicht eindeutig belegt.
Nach Ende der Therapie und nach etwa sechs Monaten ist ein erneuter Hörtest sinnvoll. Ohrgeräusche werden häufig geringer, sobald sich das Hörvermögen bessert — sie können aber auch länger bestehen bleiben.
Und für den chronischen Tinnitus?
Ein Punkt gehört hierher, weil er häufig anders dargestellt wird: Für den chronischen Tinnitus liegen nach der S3-Leitlinie keine kontrollierten Studien zur systemischen Steroidgabe vor. Zu intratympanal — also ins Mittelohr — verabreichten Kortikosteroiden fand die Leitlinie zwei Studien, beide ohne signifikanten Effekt. Was beim akuten Hörverlust erwogen wird, lässt sich also nicht auf den chronischen Tinnitus übertragen.
Was bei chronischem Tinnitus empfohlen wird
Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ benennt drei Maßnahmen mit positiver Empfehlung.
Counselling — die Grundlage
> „Counselling sollte als Grundlage einer Therapie bei chronischem Tinnitus empfohlen werden.“
> Evidenzstärke 2A (moderat), Empfehlung, starker Konsens (100 %)
Counselling ist die strukturierte Aufklärung über die erhobenen Befunde. Sie zielt darauf, Begleiterkrankungen zu berücksichtigen oder zu vermeiden und auf Interventionen hinzuweisen, die die tinnitusspezifische Belastung senken.
Verhaltenstherapie — die stärkste Empfehlung
> „Verhaltenstherapie (in verschiedenen Formen) soll bei chronischem Tinnitus empfohlen werden.“
> Evidenzstärke 1a (hoch), starke Empfehlung, starker Konsens (100 %)
Das ist die am besten belegte Maßnahme. Die Leitlinie verweist auf umfangreiche Studien zur Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Interventionen. Sie merkt zugleich an, dass zu Langzeitwirkungen keine belastbare Evidenz vorliegt, weil ausreichende Daten fehlen.
Das Ziel ist nicht, das Geräusch zu beseitigen, sondern die Belastung durch das Geräusch zu verringern.
Hörgeräte bei bestehendem Hörverlust
> „Hörgeräte sollten bei chronischem Tinnitus und Hörverlust empfohlen werden.“
> Evidenzstärke 2b (moderat), Empfehlung, starker Konsens (100 %)
Der Ausgleich eines bestehenden Hörverlusts ist nach der Leitlinie eine Voraussetzung für die Tinnitushabituation und kann den Belastungsgrad positiv beeinflussen. Das ist der Grund, warum am Anfang eine Hördiagnostik steht.
Wovon die Leitlinie abrät
Dieser Abschnitt ist der Grund für den Korrekturhinweis oben.
Nahrungsergänzungsmittel
> „Auf Nahrungsergänzungsmittel soll bei chronischem Tinnitus verzichtet werden.“
> Evidenzstärke 1c (kein Wirksamkeitsnachweis), starke Empfehlung, starker Konsens (100 %)
Die Leitlinie begründet das ausdrücklich: Auf Grundlage randomisierter kontrollierter Studien gebe es keine Hinweise darauf, dass Nahrungsergänzungsmittel — „z. B. Vitamine, Mineralien oder Phytotherapeutika“ — eine nachgewiesene Wirksamkeit auf den Tinnitus haben. Es bestehe keine Evidenz, dass sie sich von einer Placebobehandlung unterscheiden.
Damit sind Magnesium-, Zink- und Vitamin-B-Präparate sowie pflanzliche Zubereitungen erfasst. Die frühere Fassung dieses Beitrags empfahl sie.
Weitere Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis
- Rauschgeneratoren und Noiser: „sollten bei chronischem Tinnitus nicht empfohlen werden“ (2a, kein Wirksamkeitsnachweis). Für Betroffene mit Hörverlust bringt eine Noiserfunktion zusätzlich zum Hörgerät keinen Vorteil.
- Akupunktur und Elektroakupunktur: „Auf (Elektro-)Akupunktur sollte bei chronischem Tinnitus verzichtet werden“ (1c). Die Leitlinie räumt ein, dass Verspannungen oder Schmerzen gebessert werden können — mit möglichem indirektem Effekt.
- Tailor-Made-Notched-Musik-Therapie: „Auf die TMNMT bei chronischem Tinnitus sollte verzichtet werden“ (Ib, kein Wirksamkeitsnachweis). Sie wird als Smartphone-App und in Verbindung mit Hörgeräten angeboten.
Was das für die Frage „Kann Tinnitus geheilt werden?“ bedeutet
Die Frage ist falsch gestellt, und die frühere Fassung beantwortete sie mit einem Versprechen.
Belegbar ist: Für den chronischen Tinnitus zielt die am besten untersuchte Behandlung — die Verhaltenstherapie — auf die Verringerung der Belastung, nicht auf die Beseitigung des Geräuschs. Der Ausgleich eines Hörverlusts ist Voraussetzung für die Gewöhnung. Ein Mittel, das den Tinnitus zum Verschwinden bringt, benennt die Leitlinie nicht.
Wann ärztliche Abklärung nötig ist
- plötzlich aufgetretener Tinnitus, besonders mit Hörminderung — zeitnah
- Tinnitus mit Schwindel, Gangunsicherheit oder Doppelbildern — sofort
- einseitiger Tinnitus, der bestehen bleibt
- pulssynchroner Tinnitus, der im Takt des Herzschlags wahrgenommen wird
- Tinnitus mit Ohrenschmerzen, Fieber oder Ausfluss aus dem Ohr
- zunehmende Belastung, Schlafstörungen oder gedrückte Stimmung im Zusammenhang mit dem Ohrgeräusch
Der letzte Punkt ist kein Nebenaspekt: Die Leitlinie behandelt Begleiterkrankungen wie Depression und Angst ausdrücklich als Teil der Diagnostik.
Was dieser Beitrag nicht leistet
Er nennt keine Präparate, keine Marken, keine Praxen und keine Kliniken.
Er nennt keine Dosierungen. Die Anwendung verschreibungspflichtiger Arzneimittel richtet sich nach ärztlicher Verordnung und der Fachinformation.
Er ersetzt keine Diagnostik. Welche Maßnahme im Einzelfall infrage kommt, ergibt sich aus Befund, Schweregrad und Begleiterkrankungen.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC): S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Registernummer 017/064, Stand September 2021. Trägt: Counselling als Grundlage (2A, starker Konsens 100 %) · Verhaltenstherapie als starke Empfehlung (1a) und fehlende Langzeitevidenz · Hörgeräte bei Hörverlust (2b) und Habituation · „Auf Nahrungsergänzungsmittel soll bei chronischem Tinnitus verzichtet werden“ (1c, starke Empfehlung, 100 %) mit der Begründung zu Vitaminen, Mineralien und Phytotherapeutika · Rauschgeneratoren/Noiser · (Elektro-)Akupunktur · TMNMT · keine kontrollierten Studien zur systemischen Steroidgabe und zwei intratympanale Studien ohne signifikanten Effekt · Komorbiditäten in der Diagnostik.
- Bundesministerium für Gesundheit, Nationales Gesundheitsportal: Hörsturz: Symptome, Ursachen, Behandlung, Stand 11.03.2025, geprüft durch die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Trägt: bei mehr als 90 Prozent der Betroffenen keine eindeutige Ursache · die auszuschließenden Erkrankungen · Häufigkeit von 160 bis 400 je 100.000 Personen und Jahr, Altersgipfel um 50 Jahre, Kinder selten · beidseitiger plötzlicher Hörverlust als Anlass für umgehenden ärztlichen Rat · Glukokortikoide als Tablette, Infusion oder intratympanale Injektion und die Kriterien der Auswahl · „Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen bringt eine höhere Dosis von Glukokortikoiden als üblich keinen zusätzlichen Nutzen. Im Gegenteil erhöht die höhere Dosis das Risiko für Nebenwirkungen.“ · kein zugelassenes Medikament für die gezielte Behandlung, Therapie auf Erfahrungswerten beruhend, keine zuverlässige Wiederherstellung des Hörvermögens · Abwarten des natürlichen Verlaufs bei geringem Hörverlust · fehlender eindeutiger Beleg für die hyperbare Sauerstofftherapie · erneuter Hörtest nach etwa sechs Monaten · Rückgang der Ohrgeräusche bei Besserung des Hörvermögens.